Wie viel Prozent des Gehirns nutzen wir? Der Zehn-Prozent-Mythos
Wir nutzen praktisch unser ganzes Gehirn — der Zehn-Prozent-Mythos ist falsch. Über den Tag hinweg arbeiten alle Regionen, Schäden an fast jeder Stelle haben Folgen, und das Gehirn verbraucht rund 20 Prozent der Körperenergie, obwohl es nur etwa 2 Prozent des Körpergewichts ausmacht. Richtig ist etwas anderes: Nur ein kleiner Teil der Nervenzellen feuert gleichzeitig stark, weil jedes Signal Energie kostet. Das ist Effizienz, keine verborgene Intelligenzreserve.
Woran man sieht, dass wir das ganze Gehirn nutzen
- Bildgebung. PET und funktionelle MRT zeigen Aktivität im gesamten Gehirn. Welche Areale am stärksten arbeiten, hängt von der Aufgabe ab — Sehen, Sprechen, Bewegen, Erinnern —, aber keines bleibt einen normalen Tag lang still, auch nicht im Schlaf.
- Energiekosten. Das menschliche Gehirn wiegt etwa 2 Prozent des Körpers, beansprucht aber rund 20 Prozent seines Energieumsatzes und ist pro Gramm etwa zehnmal so teuer wie Muskelgewebe. Ein so teures Organ zu 90 Prozent brachliegen zu lassen, wäre biologisch unsinnig.
- Hirnschäden. Schlaganfälle, Tumoren und Verletzungen an fast jeder Stelle führen zu Ausfällen — bei Bewegung, Sprache, Sehen, Gedächtnis oder Persönlichkeit. Wären 90 Prozent überflüssig, bliebe die meiste Schädigung folgenlos.
Der wahre Kern: Nicht alle Nervenzellen feuern gleichzeitig
2003 schätzte der Neurowissenschaftler Peter Lennie die Energiekosten eines einzelnen Nervenimpulses in der menschlichen Hirnrinde und verglich sie mit deren Energiebudget. Ergebnis: Impulse sind so teuer, dass vermutlich weniger als 1 Prozent der Nervenzellen der Hirnrinde gleichzeitig stark aktiv sein kann. Das ist eine Aussage über den Zeitpunkt, nicht über ungenutzte Teile: Das Gehirn arbeitet mit wenigen gleichzeitig aktiven Zellen und verteilt seine Energie je nach Aufgabe zwischen den Regionen um.
Woher die Zahl 10 Prozent stammt
- William James, Psychologe in Harvard, schrieb im Essay The Energies of Men, dass Menschen ihre geistigen Kräfte gewöhnlich nur zu einem Teil ausschöpfen — ohne Prozentzahl und ohne von ungenutztem Hirngewebe zu sprechen.
- 1929 druckte der amerikanische World Almanac, Wissenschaftler sagten, wir nutzten nur etwa zehn Prozent unserer Gehirnleistung.
- 1936 schrieb der Journalist Lowell Thomas im Vorwort zu Dale Carnegies Wie man Freunde gewinnt, James habe gesagt, der Durchschnittsmensch entwickle nur zehn Prozent seiner geistigen Fähigkeiten. Der Bestseller trug die Zahl zu Millionen Lesern.
- Einstein wird der Satz oft zugeschrieben; eine belegte Quelle gibt es nicht.
Werbung, Motivationsseminare und Kino taten den Rest: „Ohne Limit“ (2011) und „Lucy“ (2014) beruhen auf der Idee, dass ein freigeschaltetes Restgehirn übermenschliche Intelligenz bringt. Unterhaltsame Fiktion.
Wer es heute noch glaubt
In einer Umfrage von 2012 unter 242 an Hirnforschung interessierten Lehrkräften stimmten 48 Prozent in Großbritannien und 46 Prozent in den Niederlanden der Zehn-Prozent-Aussage zu. In den USA waren es 2017 36 Prozent von 3.045 Personen aus der Allgemeinbevölkerung, aber nur 14 Prozent der Befragten mit fundierter neurowissenschaftlicher Ausbildung. Ähnlich hartnäckig sind die Mythen von der linken und rechten Gehirnhälfte und den Lerntypen.
Würde „mehr Gehirn“ den IQ erhöhen?
Die Intelligenzforschung zeigt eher das Gegenteil. In einer PET-Studie von 1988 unter Leitung von Richard Haier verbrauchten Personen mit höheren Werten in Ravens Advanced Progressive Matrices beim Lösen weniger Glukose in der Hirnrinde. Eine Übersichtsarbeit von Aljoscha Neubauer und Andreas Fink (2009) findet diese „neuronale Effizienz“ vor allem bei leichten bis mittelschweren Aufgaben und in frontalen Arealen — eine allgemeine Regel ist sie nicht. Intelligenz hängt davon ab, wie gut das Gehirn organisiert ist, nicht von einem schlummernden Anteil. Was sich wirklich verändern lässt, erklären unsere Seiten zur Neuroplastizität und zur Frage kann man den IQ steigern?; ein weiteres Versprechen ohne Beleg ist der Mozart-Effekt.
Zu dieser Seite
Diese Seite bietet allgemeine Informationen zur Hirnforschung und ist keine medizinische Beratung. Der IQ-Revealed-Test ist ein Online-Denktest mit 40 eigenen Aufgaben für Erwachsene ab 18 Jahren; er ist keine klinische Untersuchung und misst keine Hirnaktivität. Mehr dazu unter wie IQ-Tests funktionieren. IQ Revealed steht in keiner Verbindung zur Harvard University, zu den Verlagen des World Almanac oder von „Wie man Freunde gewinnt“, zu den Produzenten und Verleihern der Filme „Lucy“ und „Ohne Limit“, zum Verlag der Raven-Matrizen oder zu den genannten Forschenden; Namen dienen nur der Bezeichnung der beschriebenen Werke und Studien.
Häufige Fragen zum Zehn-Prozent-Mythos
Wie viel Prozent unseres Gehirns nutzen wir?
Über den Tag gesehen praktisch alles, aber nicht alles gleichzeitig. Jede Region hat Aufgaben, und ihre Aktivität steigt und fällt mit der Tätigkeit. Weil jeder Nervenimpuls Energie kostet, kann nur ein kleiner Teil der Nervenzellen der Hirnrinde im selben Augenblick stark aktiv sein — eine Schätzung nennt weniger als 1 Prozent.
Stimmt es, dass wir nur 10 Prozent des Gehirns nutzen?
Nein. Bildgebende Verfahren zeigen Aktivität in allen Regionen, Schäden an fast jeder Stelle führen zu Ausfällen, und das Gehirn verbraucht rund 20 Prozent der Körperenergie bei etwa 2 Prozent des Körpergewichts. Es gibt keine ungenutzten 90 Prozent.
Was würde passieren, wenn wir 100 Prozent des Gehirns nutzen?
Das tun Sie bereits, im Lauf eines normalen Tages. Die Vorstellung, man könne den „Rest“ freischalten und würde dadurch genial, stammt aus Filmen wie „Lucy“ (2014) und „Ohne Limit“ (2011), nicht aus der Hirnforschung.
Nutzen intelligentere Menschen mehr von ihrem Gehirn?
Nicht im Sinne des Mythos. In einer PET-Studie von 1988 verbrauchten Personen mit besseren Ergebnissen in einem schweren Denktest beim Lösen weniger Glukose in der Hirnrinde. Intelligenz hat eher mit Effizienz zu tun als mit zusätzlich eingeschalteten Hirnteilen.
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