Rechte Gehirnhälfte: was sie wirklich leistet — und was nicht

Die rechte Gehirnhälfte ist nicht die kreative und die linke nicht die logische — Lateralisierung gibt es, den Menschentyp dazu nicht. Einzelne Funktionen liegen tatsächlich stärker auf einer Seite. Was nie gefunden wurde, ist ein Mensch, dessen Gehirn insgesamt auf einer Hälfte läuft.

Was die rechte Gehirnhälfte wirklich übernimmt

Die echten Asymmetrien sind enger und unspektakulärer als die populäre Fassung. Sie betreffen einzelne Leistungen, keine Haltung zur Welt.

HälfteNeigt zuBedeutet nicht
RechtsTeilen der räumlichen Verarbeitung, Gesichtserkennung, Tonfall und Prosodie; Steuerung der linken KörperhälfteEin kreativer oder intuitiver Menschentyp zu sein
LinksSprachproduktion und Grammatik bei den meisten Menschen; Abfolgen; Steuerung der rechten KörperhälfteEin analytischer oder ordentlicher Menschentyp zu sein

Beide Spalten beschreiben Tendenzen in einer Bevölkerung, keine Schalter. Die Hälften sind über den Balken verbunden und tauschen ununterbrochen Informationen aus. Ein Gespräch zu führen, eine Karte zu lesen oder ein Problem zu lösen läuft deshalb über beide.

Woher der Mythos stammt: die Split-Brain-Patienten

Am Anfang stand echte Forschung. Roger Sperry und Mitarbeiter untersuchten in den 1960er-Jahren wenige Patienten, deren Balken zur Behandlung schwerer Epilepsie durchtrennt worden war. Ohne diese Verbindung ließen sich die Hälften getrennt prüfen — und was nur die rechte Hälfte gesehen hatte, konnte nicht in Worte gefasst werden. Sperry erhielt 1981 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin, „für seine Entdeckungen zur funktionellen Spezialisierung der Großhirnhemisphären“.

Der Sprung geschah außerhalb des Labors: Aus Befunden an getrennten Hälften einiger operierter Patienten wurde eine Aussage über intakte Gehirne in der Allgemeinbevölkerung — und daraus schließlich ein Persönlichkeitstyp. Michael Corballis hat diese Trennung 2014 in PLoS Biology ausführlich nachgezeichnet: die belegten Asymmetrien auf der einen Seite, die darauf gebauten Erzählungen auf der anderen.

Was bei der Prüfung herauskam

Die populäre Behauptung ist prüfbar, und sie wurde geprüft. Nielsen, Zielinski, Ferguson, Lainhart und Anderson untersuchten mit funktioneller Ruhezustands-MRT 1.011 Personen im Alter von 7 bis 29 Jahren, teilten die graue Substanz in 7.266 Regionen und fragten, ob sich Menschen darin unterscheiden, wie stark ihre links- oder rechtsseitigen Netzwerke verschaltet sind.

Gefunden wurde, was die Anatomie erwarten lässt: einzelne deutlich lateralisierte Knotenpunkte, darunter die Sprachregionen. Nicht gefunden wurde, was die populäre Theorie erwarten lässt. Es gab keine Gruppe mit insgesamt stärkerem linken Netzwerk und keine mit stärkerem rechten. Jemand kann ein stark linkslateralisiertes Sprachsystem haben, ohne dass sonst irgendetwas an ihm „nach links“ neigt.

Der deutschsprachige Befund dazu stammt aus Leipzig. Bin Wan und Sofie Valk berichteten am 15. September 2022 für die Max-Planck-Gesellschaft über eine Untersuchung am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften gemeinsam mit dem Forschungszentrum Jülich: Die Aufmerksamkeit wird bei den meisten Menschen überwiegend rechts verarbeitet, die Sprache überwiegend links. Über den Vergleich von ein- und zweieiigen Zwillingen ließ sich außerdem zeigen, dass die individuellen Unterschiede in dieser Anordnung zwar erblich mitbestimmt sind, der größere Teil der Asymmetrie aber auf Umwelteinflüsse zurückgeht. Das ist die reale Asymmetrie — Zuständigkeiten einzelner Netzwerke, nicht zwei Menschentypen.

Selbst die Sprache liegt nicht bei allen links

Die am besten belegte Asymmetrie hat Ausnahmen, und zwar genug, um das Bild zu ändern. Knecht und Kollegen bestimmten die Sprachdominanz bei 326 gesunden Freiwilligen mit funktioneller transkranieller Doppler-Sonografie. Rechtsseitige Sprachdominanz fand sich bei 4 Prozent der ausgeprägten Rechtshänder und stieg mit der Linkshändigkeit bis auf 27 Prozent bei ausgeprägten Linkshändern.

Wenn schon die bestbelegte Lateralisierung zwischen gesunden Menschen so stark schwankt, war eine ganze Persönlichkeit auf Basis einer „dominanten Hälfte“ nie ein sicherer Schluss.

Warum die Vorstellung so hartnäckig ist

Weil sie unterrichtet wird. Macdonald, Germine, Anderson, Christodoulou und McGrath befragten 2017 3.877 Personen — 3.045 aus der Allgemeinbevölkerung, 598 Lehrkräfte und 234 Personen mit umfangreicher neurowissenschaftlicher Ausbildung. Der Aussage, manche Menschen seien „linkshirnig“ und andere „rechtshirnig“ und das erkläre Unterschiede beim Lernen, stimmten 64 Prozent der Allgemeinbevölkerung zu, 49 Prozent der Lehrkräfte — und immer noch 32 Prozent der neurowissenschaftlich Geschultesten.

Für Deutschland ist dazu keine eigene Lehrkräfte-Erhebung veröffentlicht. Die europäischen Zahlen liegen weit auseinander, was für sich genommen aufschlussreich ist: In Großbritannien stimmten 91 Prozent von 137 Lehrkräften zu, in den Niederlanden 86 Prozent von 105 (Dekker und Kollegen, 2012), in Spanien 67,2 Prozent von 284 (Ferrero, Garaizar und Vadillo, 2016), in Griechenland 55 Prozent von 573 angehenden Lehrkräften (Papadatou-Pastou, Haliou und Vlachos, 2017). Der Glaube ist also nicht naturgegeben — er folgt dem, was ein Schulsystem vermittelt hat.

Gehirnhälften, Intelligenz und IQ

Die Einteilung nach Gehirnhälften gehört zu einer Familie von Ideen, die Menschen in kognitive Typen sortieren. Die Lerntypen tun das über die bevorzugte Darbietungsform, die Intelligenzarten über Fähigkeitsbereiche, die Gehirnhälften über die Anatomie. Alle drei sind eingängiger als ihre Belege.

Ein IQ-Test misst etwas Engeres und besser Definiertes: schlussfolgerndes Denken, sprachliches und numerisches Problemlösen, Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit, ausgedrückt als Zahl auf der IQ-Skala. Welche Hälfte Sie bevorzugen, sagt er nicht — weil es das nicht gibt. Wenn hinter der Frage eigentlich steht, ob man geistig weiterkommt, steht die Belegsammlung dazu hier: kann man den IQ steigern.

Einordnung und Grenzen

Dieser Text ist informativ. Er stellt keine Diagnose und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Lateralisierung wird in der Medizin tatsächlich bestimmt — vor neurochirurgischen Eingriffen oder nach einem Schlaganfall; dieser Text beschreibt dieses Verfahren nicht und ersetzt es nicht.

IQ Revealed ist mit der Nobelstiftung, den Erben Roger Sperrys, der Max-Planck-Gesellschaft und den hier genannten Universitäten, Fachzeitschriften und Forschungsgruppen nicht affiliiert und wird von ihnen weder unterstützt noch beauftragt. Sie werden genannt, damit jede Aussage auf die Arbeit zurückführbar bleibt, aus der sie stammt. Wörtliche Zitate stammen aus den veröffentlichten Abstracts der genannten Arbeiten sowie aus der Begründung der Nobelstiftung.

Häufige Fragen zu den Gehirnhälften

Was macht die rechte Gehirnhälfte?

Sie steuert die linke Körperhälfte und ist bei den meisten Menschen stärker an räumlicher Verarbeitung, Gesichtserkennung und an der Tonfärbung von Sprache beteiligt — also daran, ob ein Satz freundlich oder gereizt klingt. Das ist etwas anderes als „zuständig für Kreativität“. Kreative Arbeit — Musik, Zeichnen, Schreiben — beansprucht regelmäßig beide Hälften.

Gibt es rechtshirnige und linkshirnige Menschen?

Nein. Nielsen und Kollegen untersuchten 2013 die Ruhezustands-Konnektivität von 1.011 Gehirnen im Alter von 7 bis 29 Jahren in 7.266 Regionen. Sie fanden lateralisierte Netzwerke — aber keine Menschen mit einer insgesamt stärkeren Hälfte. Ihr Fazit: Ein einzelnes Gehirn sei nicht „linkshirnig“ oder „rechtshirnig“ als Eigenschaft des ganzen Gehirns.

Was kann die linke Gehirnhälfte besser?

Bei den meisten Menschen die Sprache: Sprachproduktion und Grammatik liegen überwiegend links. Sie steuert außerdem die rechte Körperhälfte. Genau dieser Befund ist der wahre Kern, aus dem der Mythos gemacht wurde — er sagt aber nichts darüber, ob jemand ein logischer Typ ist.

Kann man mit einem Test die dominante Gehirnhälfte bestimmen?

Nicht seriös. Die Online-Tests, die drehende Tänzerin und die Farbtests messen Ihre Antworten oder Ihren Seheindruck, nicht die Aktivität einer Hälfte. Wo die Sprache im Einzelfall liegt, lässt sich nur mit Bildgebung oder Doppler-Sonografie bestimmen — und das geschieht in der Klinik, etwa vor einer Operation.

Liegt die Sprache immer links?

Nein, und die Ausnahmen sind häufiger als gedacht. Knecht und Kollegen maßen die Sprachdominanz bei 326 gesunden Personen: Bei 4 Prozent der ausgeprägten Rechtshänder lag sie rechts, bei ausgeprägten Linkshändern bei 27 Prozent. Etwa jeder vierte klare Linkshänder hat die Sprache also auf der „falschen“ Seite — und ist ansonsten völlig unauffällig.

Was passiert, wenn die rechte Gehirnhälfte geschädigt ist?

Weil jede Hälfte die gegenüberliegende Körperseite steuert, betrifft eine Schädigung rechts vor allem die linke Körperseite. Häufig beschrieben werden zudem Beeinträchtigungen der räumlichen Wahrnehmung und der Aufmerksamkeit. Das ist eine allgemeine Beschreibung und keine Diagnose: Welche Folgen im Einzelfall auftreten, hängt von Ort und Ausmaß der Schädigung ab und gehört in ärztliche Abklärung. Bei plötzlichen Ausfällen — einseitige Lähmung, Sprach- oder Sehstörungen — ist sofort der Notruf zu wählen.

Woher kommt die Idee von den zwei Gehirnhälften?

Aus echter Forschung, die falsch weitererzählt wurde. Roger Sperry untersuchte in den 1960er-Jahren Patienten, bei denen zur Behandlung schwerer Epilepsie der Balken durchtrennt worden war; getrennt geprüft verhielten sich die Hälften unterschiedlich. Dafür erhielt er 1981 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Aus Befunden an getrennten Hälften wurde in populären Darstellungen eine Aussage über gesunde Gehirne — und daraus zwei Persönlichkeitstypen.

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