Sensorisches Gedächtnis (Ultrakurzzeitgedächtnis): ikonisch und echoisch
Das sensorische Gedächtnis (Ultrakurzzeitgedächtnis) hält eine kurze, detailreiche Spur dessen fest, was man gerade gesehen, gehört oder gespürt hat – beim Sehen für Sekundenbruchteile, beim Hören für wenige Sekunden. Es enthält viel mehr, als man berichten kann. Nur der kleine Teil, dem man Aufmerksamkeit schenkt, wandert ins Kurzzeitgedächtnis; der Rest verblasst oder wird vom nächsten Eindruck überschrieben. Am besten erforscht sind das ikonische (Sehen) und das echoische Gedächtnis (Hören).
Das Wichtigste im Überblick
- Einordnung: die erste Stufe im Mehrspeichermodell von Atkinson und Shiffrin (1968), vor dem Kurzzeit- und dem Langzeitgedächtnis.
- Kapazität: groß – ein reiches Abbild der Szene, weit mehr als die etwa vier Einheiten, die das Arbeitsgedächtnis halten kann.
- Dauer: Sehen deutlich unter einer Sekunde; Hören einige hundert Millisekunden für den rohen Klang, mehrere Sekunden für eine weiter verarbeitete Spur.
- Steuerung: automatisch. Man kann eine Sinnesspur nicht willentlich verlängern, nur rechtzeitig einen Teil davon beachten.
Ikonisches Gedächtnis: Sperlings Buchstabenversuch
1960 zeigte George Sperling ein Raster aus 12 Buchstaben (drei Zeilen zu je vier) für 50 Millisekunden. Sollten die Versuchspersonen alles berichten, schafften sie nur vier bis fünf Buchstaben – obwohl sie sicher waren, mehr gesehen zu haben. Sperling änderte daher die Aufgabe: Unmittelbar nach dem Verschwinden des Rasters gab ein hoher, mittlerer oder tiefer Ton an, welche Zeile zu berichten war. Nun nannten sie den Großteil der jeweiligen Zeile, egal welche – rund neun der 12 Buchstaben müssen also kurz verfügbar gewesen sein. Kam der Ton etwa eine Sekunde später, fiel die Leistung auf das Niveau des Ganzberichts zurück.
Das ist das Teilberichtsverfahren: Die Information war da, verblasste aber schneller, als man sie aufsagen konnte. Max Coltheart unterschied 1980 zudem zwischen sichtbarer Nachdauer (das Bild scheint noch da zu sein) und informationeller Nachdauer (die Information, die man noch auslesen kann).
Echoisches Gedächtnis: warum man die letzten Worte noch hört
Das Hören hat einen eigenen, längeren Speicher – sinnvoll, weil Laute sich über die Zeit entfalten und zusammengehalten werden müssen, um Sprache zu verstehen. 1972 übertrugen Darwin, Turvey und Crowder Sperlings Verfahren aufs Hören: Buchstaben und Ziffern kamen gleichzeitig aus drei Richtungen. Auch hier zeigte sich ein Vorteil des Teilberichts, der über etwa zwei bis vier Sekunden abnahm. Nelson Cowan unterschied 1984 einen sehr kurzen Hörspeicher von einigen hundert Millisekunden und einen längeren von mehreren Sekunden.
Die Hörspur lässt sich auch im Gehirn messen: Die 1978 von einem Team um Risto Näätänen in Finnland beschriebene Mismatch-Negativität ist eine elektrische Hirnantwort auf einen abweichenden Ton – selbst wenn man gerade auf etwas anderes achtet.
Tasten, Riechen, Schmecken: was belegt ist
Populäre Übersichten nennen oft fünf sensorische Gedächtnisse mit je einer festen Dauer. Die Beleglage ist viel ungleicher. Für Sehen und Hören gibt es Jahrzehnte an Forschung; für den Tastsinn einige Studien – 2008 konnten Versuchspersonen nur etwa drei gleichzeitige Berührungen am Körper zählen, im Teilbericht aber bei bis zu fünf noch überzufällig sagen, ob eine bestimmte Stelle berührt worden war. Für Geruch und Geschmack fehlen vergleichbare Versuche weitgehend; feste Zeitangaben dazu sind mit Vorsicht zu lesen.
Sensorisches Gedächtnis und IQ
Wie viel jemand im ikonischen Gedächtnis hält, misst kein IQ-Test, und es gibt keine guten Belege, dass ein Training die Intelligenz steigert. Ein Maß der frühesten Verarbeitungsstufe hängt aber mit dem IQ zusammen: Bei der Inspektionszeit werden zwei unterschiedlich lange Linien kurz gezeigt und dann maskiert; gemessen wird, wie kurz die Darbietung sein darf, damit man noch richtig sagt, welche länger war. Eine Metaanalyse von Grudnik und Kranzler (2001) über 92 Studien fand eine mittlere Korrelation von etwa −0,30, nach Korrektur für Messfehler und eingeschränkte Stichproben −0,51: Wer kürzere Darbietungen braucht, schneidet im Schnitt besser ab. Ein mäßiger Zusammenhang – ein kleiner Baustein, kein Intelligenztest. Was IQ-Werte erfassen, erklären unsere Seiten zur fluiden und kristallinen Intelligenz und zum g-Faktor. Was mit dem Rest der Sinneseindrücke geschieht, zeigt die Seite zur selektiven Aufmerksamkeit.
Hinweise zu dieser Seite
Diese Seite fasst veröffentlichte Forschung zur allgemeinen Information zusammen und ist keine medizinische Beratung: Neue oder zunehmende Probleme mit Sehen, Hören oder Gedächtnis gehören in ärztliche Abklärung, und kein Online-Test kann sie beurteilen. Der IQ Revealed Test ist ein Online-Denktest mit 40 eigenen Aufgaben für Erwachsene ab 18 Jahren; er ist keine klinische Untersuchung und misst weder das sensorische Gedächtnis noch die Inspektionszeit. IQ Revealed ist mit den genannten Forschenden, Universitäten, Fachzeitschriften und Verlagen nicht verbunden; Namen dienen nur der Zuordnung der beschriebenen Forschung.
Häufige Fragen zum sensorischen Gedächtnis
Was ist das sensorische Gedächtnis?
Das sensorische Gedächtnis – auch Ultrakurzzeitgedächtnis oder sensorisches Register genannt – hält das gerade Gesehene, Gehörte oder Gefühlte für Sekundenbruchteile bis wenige Sekunden fest, nachdem der Reiz schon vorbei ist. Es speichert weit mehr Details, als man berichten kann; nur was man beachtet, gelangt ins Kurzzeit- bzw. Arbeitsgedächtnis, der Rest verblasst.
Wie lange dauert das Ultrakurzzeitgedächtnis?
Für das Sehen deutlich unter einer Sekunde, in klassischen Versuchen etwa eine Viertel- bis eine halbe Sekunde. Für das Hören einige hundert Millisekunden für den rohen Klang und mehrere Sekunden für eine etwas weiter verarbeitete Spur. Beim Tastsinn gibt es ebenfalls einen kurzen Speicher, der umso schneller zerfällt, je mehr Reize es sind.
Was ist das ikonische Gedächtnis?
Das ikonische Gedächtnis ist das sensorische Gedächtnis des Sehens. In George Sperlings Versuchen von 1960 konnten Menschen von 12 Buchstaben, die 50 Millisekunden lang gezeigt wurden, nur etwa vier bis fünf nennen. Zeigte ein Ton gleich danach an, welche Zeile sie berichten sollten, nannten sie fast die ganze Zeile – rechnerisch waren also rund neun der 12 Buchstaben kurz verfügbar. Kam der Ton etwa eine Sekunde später, war der Vorteil verschwunden.
Was ist das echoische Gedächtnis?
Das echoische Gedächtnis ist das sensorische Gedächtnis des Hörens. Es hält länger als das ikonische: In einer Hörversion von Sperlings Versuch (1972) verschwand der Vorteil des Teilberichts erst nach etwa zwei bis vier Sekunden. Deshalb kann man die letzten Worte eines Gesprächspartners oft noch „abspielen“, obwohl man gerade nicht zugehört hat.
Welche Beispiele gibt es?
Die Lichtspur einer Wunderkerze, die im Dunkeln geschwenkt wird (ikonisch); die Frage „Was habe ich gerade gesagt?“ noch beantworten können (echoisch); einen Augenblick lang noch spüren, wo man am Arm angetippt wurde (taktil).
Hängt das sensorische Gedächtnis mit dem IQ zusammen?
Nur indirekt. Ein eng verwandtes Maß der frühen visuellen Verarbeitung, die Inspektionszeit (wie kurz ein Bild vor einer Maske gezeigt werden darf, um noch richtig beurteilt zu werden), korreliert mit dem IQ. Eine Metaanalyse von 92 Studien (2001) fand im Mittel r ≈ −0,30, nach statistischer Korrektur −0,51.
Wo stehen Sie selbst?
Unser IQ-Test ist kostenlos auszufüllen und dauert etwa 25 Minuten. Der vollständige Bericht — Punktwert, Perzentil und Leistung je Denkbereich — gehört zur Mitgliedschaft.
IQ-Test starten