Unaufmerksamkeitsblindheit: das Gorilla-Experiment erklärt
Unaufmerksamkeitsblindheit heißt: Wir übersehen etwas gut Sichtbares, weil unsere Aufmerksamkeit bei etwas anderem ist. Das liegt nicht an den Augen — oft schaut man direkt hin. Im bekanntesten Versuch, dem Gorilla-Experiment, bemerkte fast die Hälfte der Teilnehmenden ein unerwartetes Ereignis mitten im Bild nicht. Das ist eine normale Nebenwirkung konzentrierter Aufmerksamkeit, kein Zeichen geringer Intelligenz.
Das Gorilla-Experiment
Daniel Simons und Christopher Chabris (Harvard, 1999) zeigten Videos von zwei Teams in weißen und schwarzen Shirts, die sich Bälle zuwarfen. Die Aufgabe: die Pässe eines Teams zählen. Fünf Sekunden lang lief eine Frau mit Regenschirm oder ein Mensch im Gorillakostüm durch die Szene.
- 46 % von 192 Personen bemerkten das unerwartete Ereignis nicht, auch nicht auf direkte Nachfrage.
- Den Gorilla sahen insgesamt 44 %, die Frau mit Schirm 65 %.
- Wer das weiße Team zählte, sah den schwarzen Gorilla nur zu 27 % — wer das schwarze Team zählte, zu 58 %.
- Schwierigere Aufgabe, mehr Übersehen: Mit zwei getrennten Zählungen bemerkten 45 % das Ereignis, mit einer 64 %.
Den Begriff prägten Arien Mack und Irvin Rock 1998: Ohne Aufmerksamkeit, so ihre These, gibt es keine bewusste Wahrnehmung. Warum der Filter so arbeitet, erklären unsere Seiten zur Aufmerksamkeitsspanne und zur kognitiven Belastung.
Unaufmerksamkeitsblindheit oder Veränderungsblindheit?
Beides wird oft verwechselt. Unaufmerksamkeitsblindheit ist das Übersehen von etwas Unerwartetem, das da ist — der Gorilla. Veränderungsblindheit ist das Nichtbemerken einer Veränderung zwischen zwei Ansichten: In einem Feldversuch von Simons und Levin (1998) wurde ein Fragender hinter einer vorbeigetragenen Tür gegen eine andere Person ausgetauscht, und viele Passanten erklärten einfach weiter den Weg. Die Veränderung muss nicht langsam sein; entscheidend ist, dass der Moment der Veränderung verdeckt ist.
Forschung aus Köln und Heidelberg
Ob manche Menschen grundsätzlich mehr übersehen, hat die Deutsche Sporthochschule Köln untersucht. Carina Kreitz, Philip Furley und Daniel Memmert testeten 2015 gemeinsam mit Simons mehrere Aufgabentypen: Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeitsbreite und weitere kognitive Maße sagten überwiegend nicht voraus, wer etwas bemerkt; der einzige Zusammenhang war schwach. Das Bemerken hängt eher von Zufallsprozessen ab, die alle Menschen betreffen. Schon 2006 hatte Memmert in Heidelberg gezeigt, dass Kinder, die das unerwartete Objekt übersahen, es per Blickmessung etwa eine Sekunde lang ansahen — so lange wie jene, die es meldeten. Basketballerfahrene bemerkten es in einer Basketballaufgabe häufiger als Neulinge.
Im echten Leben
- Radiologie: 83 % von 24 Radiologinnen und Radiologen übersahen einen Gorilla, 48-mal so groß wie ein durchschnittlicher Lungenknoten, in einem CT-Bild — die meisten blickten direkt auf die Stelle (Drew u. a. 2013).
- Eine Schlägerei am Weg: Wer einem Läufer folgte und dessen Kopfberührungen zählte, bemerkte eine inszenierte Schlägerei nachts nur zu 35 %, tagsüber zu 56 % (Chabris u. a. 2011).
- Handy beim Gehen: Telefonierende Fußgänger bemerkten einen Clown auf einem Einrad seltener als andere (Hyman u. a. 2010).
Hat das mit dem IQ zu tun?
Kaum. In einer US-Studie (2011) sahen Menschen mit größerem Arbeitsgedächtnis den Gorilla häufiger (67 % gegenüber 36 %), die Kölner Studie fand diesen Zusammenhang aber überwiegend nicht. Ein IQ-Test misst Schlussfolgern bei gestellten Aufgaben; Unaufmerksamkeitsblindheit betrifft, was ins Bewusstsein dringt, wenn man nicht danach sucht. Wer das Video kennt, sieht den Gorilla — bemerkt in einer neuen Version andere Überraschungen aber eher etwas seltener (Simons 2010). Was hilft: weniger gleichzeitige Aufgaben und ein bewusster zweiter Blick. Mehr zu den Steuerungsprozessen dahinter unter exekutive Funktionen.
Zu dieser Seite
Diese Seite fasst veröffentlichte Forschung zur allgemeinen Information zusammen und ist keine medizinische oder Sicherheitsberatung. Der IQ-Revealed-Test ist ein Online-Denktest mit 40 eigenen Aufgaben für Erwachsene ab 18 Jahren; er ist keine klinische Untersuchung und misst weder Aufmerksamkeit noch Wahrnehmung. IQ Revealed steht in keiner Verbindung zu Daniel Simons, Christopher Chabris, der Deutschen Sporthochschule Köln, der Universität Heidelberg oder den genannten Fachzeitschriften, Verlagen und Forschenden; Namen dienen nur der Bezeichnung der beschriebenen Forschung.
Häufige Fragen zur Unaufmerksamkeitsblindheit
Was ist Unaufmerksamkeitsblindheit?
Unaufmerksamkeitsblindheit (englisch inattentional blindness) ist das Übersehen von etwas gut Sichtbarem, weil die Aufmerksamkeit gerade bei etwas anderem ist. Mit den Augen hat das nichts zu tun: Oft blickt man direkt auf das, was man übersieht.
Was zeigt das Gorilla-Experiment?
In der Studie von Simons und Chabris (1999) zählten 192 Personen Ballpässe in einem 75-Sekunden-Video. Fünf Sekunden lang lief ein Mensch im Gorillakostüm oder eine Frau mit Regenschirm durchs Bild. 46 % bemerkten das unerwartete Ereignis nicht; den Gorilla sahen insgesamt nur 44 %.
Was ist der Unterschied zur Veränderungsblindheit?
Bei der Unaufmerksamkeitsblindheit wird etwas Unerwartetes übersehen, das da ist. Bei der Veränderungsblindheit fällt nicht auf, dass sich etwas verändert hat — meist während einer kurzen Unterbrechung wie einem Lidschlag oder Filmschnitt. Die Veränderung muss dabei nicht langsam sein.
Sehen intelligentere Menschen den Gorilla eher?
Kaum. Eine Kölner Studie (2015) fand, dass Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeitsbreite und weitere kognitive Maße überwiegend nicht vorhersagten, wer etwas Unerwartetes bemerkt. Das Gorilla-Video ist kein Intelligenztest.
Wo stehen Sie selbst?
Unser IQ-Test ist kostenlos auszufüllen und dauert etwa 25 Minuten. Der vollständige Bericht — Punktwert, Perzentil und Leistung je Denkbereich — gehört zur Mitgliedschaft.
IQ-Test starten- Aufmerksamkeitsspanne: Was wirklich gemessen wird — und der Acht-Sekunden-Mythos
- Cognitive Load Theory (kognitive Belastung): Definition, drei Arten und Befunde
- Arbeitsgedächtnis: Definition, Kapazität und der Zusammenhang mit dem IQ
- Exekutive Funktionen: die drei Kernfunktionen und der Unterschied zum IQ