Sprachliche (verbale) Intelligenz: Bedeutung, Merkmale und Forschung
Sprachliche Intelligenz ist das Gespür für gesprochene und geschriebene Sprache, die Fähigkeit, Sprache gezielt einzusetzen, und das Talent, Sprachen zu lernen. In der Psychologie spricht man meist von verbaler Intelligenz, bei Howard Gardner von linguistischer Intelligenz — einer der sieben ursprünglichen Intelligenzen seiner Theorie. Anders als die meisten davon hielt sie einem direkten Test stand, erwies sich aber als eng mit der allgemeinen Intelligenz verbunden, die IQ-Tests messen.
Merkmale und Herkunft
Gardner beschrieb sie 1983 in Frames of Mind als Intelligenz von Dichtern, Schriftstellern, Juristen und Rednern. Typische Merkmale: großer, treffsicherer Wortschatz; Freude am Lesen und an Wortspielen; klares Erklären und Argumentieren; gutes Gedächtnis für Gesagtes und Gelesenes; leichtes Schreiben; schnelles Lernen von Fremdsprachen. Das sind Beispiele, kein Test. Die übrigen Intelligenzen, etwa die musikalische Intelligenz, stehen unter Arten von Intelligenz.
Gardners Gehirn-Argument hat eine deutsche Wurzel: 1874 beschrieb der Neurologe Carl Wernicke in Breslau Patienten, die nach einer Schädigung im linken Schläfenlappen flüssig, aber sinnlos sprachen und Sprache kaum verstanden — das heutige Wernicke-Areal. Dass Sprache gezielt ausfallen kann, während anderes erhalten bleibt, war für Gardner ein Zeichen einer eigenen Intelligenz.
Was die Forschung zeigt
Der direkte Test: Beth Visser, Michael Ashton und Philip Vernon gaben 2006 200 Erwachsenen je zwei Tests pro Intelligenz und einen Test der allgemeinen geistigen Fähigkeit. Die sprachlichen Tests — Wortschatz und Gegensätze (in begrenzter Zeit möglichst viele Gegenwörter finden) — luden mit 0,40 bis 0,60 auf den gemeinsamen Faktor, den g-Faktor. Nach dessen Entfernung korrelierten sie aber noch 0,29 miteinander — der höchste Wert aller acht Intelligenzen. Mit den räumlichen Tests hingen sie nicht signifikant zusammen, und die Selbsteinschätzung der eigenen Sprachfähigkeit passte (mäßig) zu beiden Tests. Fazit: eine echte, zusammenhängende Fähigkeit — aber nicht unabhängig von der allgemeinen Intelligenz.
Sprache und Denken: Eine Übersichtsarbeit von Evelina Fedorenko und Rosemary Varley (2016) zeigt, dass Menschen mit globaler Aphasie, die Sprache kaum noch verstehen oder bilden, trotzdem rechnen, logische Aufgaben lösen, sich in andere hineinversetzen und Musik genießen können. Sprache ist ein eigenes System im Gehirn.
Wortschatz und Alter: Wortschatz ist kristalline Intelligenz. Laut dem Handbuch der Wechsler-Intelligenzskala für Erwachsene (3. Auflage) hat der Untertest Wortschatz die höchste g-Ladung der elf Untertests. Joshua Hartshorne und Laura Germine fanden 2015, dass die Verarbeitungsgeschwindigkeit in der späten Jugend ihren Höhepunkt hat, der Wortschatz erst um 50 (Testnormen) bzw. 65 (Online-Daten). Lesen hilft — mehr dazu im Artikel Macht Lesen klüger?
Über diese Seite
Viele IQ-Tests enthalten verbale Aufgaben und erfassen so einen Teil der sprachlichen Intelligenz, nicht aber Schreiben, Reden oder das Lernen von Sprachen. Diese Seite fasst veröffentlichte Forschung zur allgemeinen Information zusammen; die Daten von 2006 stammen aus der vollständigen Abschlussarbeit der Autorin. Nichts hier beurteilt Sprachentwicklung, Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten oder eine Erkrankung — Fragen dazu gehören zu Ärztin, Arzt, Logopädie oder Schulpsychologie. Der IQ-Revealed-Test ist ein Online-Test des logischen Denkens mit 40 eigenen Aufgaben für Erwachsene ab 18 Jahren und keine klinische Untersuchung. IQ Revealed steht in keiner Verbindung zu Howard Gardner, den Verlagen der Wechsler-Skalen, dem Educational Testing Service (Herausgeber des Gegensätze-Tests) oder den übrigen genannten Forschenden, Universitäten, Fachzeitschriften und Publikationen.
Häufige Fragen zur sprachlichen Intelligenz
Was ist sprachliche Intelligenz?
Sprachliche (linguistische) Intelligenz ist das Gespür für gesprochene und geschriebene Sprache, die Fähigkeit, Sprache gezielt einzusetzen, und das Talent, Sprachen zu lernen. Sie gehört zu den sieben ursprünglichen Intelligenzen in Howard Gardners Theorie der multiplen Intelligenzen aus Frames of Mind (1983). Gardners Beispiele sind Schriftsteller, Dichter, Juristen und Redner.
Ist sprachliche Intelligenz dasselbe wie verbale Intelligenz?
Weitgehend, aber nicht ganz. Wortschatztests gehören zu den besten Einzelindikatoren der allgemeinen Intelligenz. Im direktesten Test von Gardners Theorie hingen beide Worttests deutlich mit der allgemeinen geistigen Fähigkeit zusammen — teilten aber darüber hinaus mehr miteinander als die Tests jeder anderen Intelligenz.
Kann man sprachliche Intelligenz verbessern?
Der Wortschatz wächst jahrzehntelang: In großen Datensätzen erreichte er seinen Höhepunkt um das 50. Lebensjahr (Normdaten eines Standard-IQ-Tests) bzw. um das 65. (Online-Stichprobe mit über 48.000 Personen). Lesen, Schreiben und Fremdsprachen fördern diese Fähigkeiten; dass Worträtsel die allgemeine Intelligenz steigern, ist nicht belegt.
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