Vergessenskurve nach Ebbinghaus: die echten Zahlen und wie man sie abflacht

Die Vergessenskurve nach Ebbinghaus zeigt, wie schnell neu Gelerntes ohne Wiederholung verblasst: am stärksten in der ersten Stunde und am ersten Tag, danach immer langsamer. Eine Wiederholung des Experiments aus dem Jahr 2015 fand fast dieselbe Form. Falsch sind dagegen die Zahlen, die meist dazu genannt werden: Ebbinghaus hat nie gezeigt, dass wir 70 % in einem Tag vergessen.

„Über das Gedächtnis“: Ebbinghaus’ Versuch

Hermann Ebbinghaus führte die Versuche 1879 und 1880 an sich selbst durch und veröffentlichte sie 1885 in Leipzig unter dem Titel Über das Gedächtnis. Um Bedeutung auszuschalten, lernte er Reihen sinnloser Silben (etwa „DAX“ oder „BOK“), je acht Reihen zu 13 Silben, bis er sie fehlerfrei aufsagen konnte. Nach einer Pause lernte er dieselben Reihen erneut und maß, wie viel Zeit er sich dabei sparte. Diese Ersparnis war sein Maß für das, was übrig geblieben war: 163 Doppelversuche bei sieben Abständen von rund 20 Minuten bis 31 Tagen.

Die Originalzahlen

Zeit nach dem LernenErsparnis (Ebbinghaus, 1885)Ersparnis (Replikation, 2015)
20 Minuten58,2 %47,2 %
1 Stunde44,2 %37,3 %
9 Stunden35,8 %27,6 %
1 Tag33,7 %31,7 %
2 Tage27,8 %23,0 %
6 Tage25,4 %16,8 %
31 Tage21,1 %4,1 %

Werte aus Tabelle 3 bei Murre & Dros (2015), die Ebbinghaus’ Zahlen wiedergibt. Ebbinghaus fasste die Daten in einer Formel zusammen — b = 100k / ((log t)c + k) mit k = 1,84 und c = 1,25, t in Minuten — und betonte, sie sei nur eine Kurzschrift für die Ergebnisse einer einzigen Person unter seinen Bedingungen.

Der 70-%-Mythos

Im Netz heißt es oft: 50 % nach einer Stunde vergessen, 70 % nach einem Tag, 90 % nach einer Woche. Diese Zahlen stammen nicht von Ebbinghaus. Sie entstehen, wenn man seine Ersparniswerte als Anteil des Behaltenen liest. Drei Punkte sprechen dagegen:

  • Ersparnis ist nicht Erinnern. Auch eine Reihe, die man nicht mehr aufsagen kann, hinterlässt eine Spur, die das Wiederlernen beschleunigt.
  • Sinnlose Silben sind der schlimmste Fall. Was man versteht und mit Bekanntem verknüpft, wird langsamer vergessen.
  • Gelernt wurde nur bis zur ersten fehlerfreien Wiedergabe. Weiterlernen oder Lernen an mehreren Tagen bremst das Vergessen.

Die Replikation von 2015

Jaap Murre und Joeri Dros (Universität Amsterdam) wiederholten den Versuch: Ein 22-jähriger Proband lernte in rund 70 Stunden 70 Listen mit je 104 sinnlosen Silben bei denselben sieben Abständen. Die Kurve glich der von Ebbinghaus. Auch ein Detail kehrte wieder: Nach einem Tag liegt die Ersparnis etwas höher, als eine glatte Kurve erwarten lässt. Die Autoren halten Schlaf für eine wahrscheinliche Ursache, betonen aber, dass dies für diese Art Versuch nicht bewiesen ist. Mathematisch beschreibt eher eine Potenzfunktion das Vergessen als eine einfache Exponentialfunktion (Wixted & Ebbesen, 1991): Was die ersten Tage übersteht, hält meist lange.

Wie man die Kurve abflacht

  1. Früh wiederholen — der größte Verlust passiert am ersten Tag.
  2. Abfragen statt nachlesen. Bei Roediger & Karpicke (2006) gewann Nachlesen nach fünf Minuten, Selbsttesten aber deutlich nach zwei Tagen und nach einer Woche.
  3. Verteilen. Eine Metaanalyse von 839 Vergleichen aus 317 Experimenten (Cepeda u. a., 2006) zeigt: verteiltes Lernen schlägt gebündeltes. Mehr dazu unter Spaced Repetition.
  4. Bedeutung schaffen — etwa mit einer Eselsbrücke.

Wie das Gehirn neue Erinnerungen festigt, erklärt unser Artikel zum Langzeitgedächtnis.

Vergessenskurve und IQ

Schnelles Vergessen ist normal und hängt vor allem davon ab, wie gelernt und wiederholt wurde. Enger mit dem IQ verbunden ist das Arbeitsgedächtnis. Besseres Behalten vergrößert Wissen, hebt aber nicht das allgemeine Denkvermögen.

Hinweise zu dieser Seite

Diese Seite fasst veröffentlichte Forschung zur allgemeinen Information zusammen. Sie ist keine medizinische Beratung: Vergesslichkeit, die neu ist, zunimmt oder den Alltag beeinträchtigt, gehört in ein ärztliches Gespräch, und kein Online-Test kann sie beurteilen. Der IQ-Revealed-Test ist ein Online-Denktest aus 40 eigenen Aufgaben für Erwachsene ab 18 Jahren; er ist keine klinische Untersuchung und misst kein Gedächtnis. IQ Revealed steht in keiner Verbindung zu den genannten Forschenden, Universitäten, Zeitschriften oder Verlagen; Namen dienen nur dazu, die beschriebene Forschung zu benennen.

Häufige Fragen zur Vergessenskurve

Was ist die Vergessenskurve?

Die Vergessenskurve zeigt, wie das Gedächtnis für neu Gelerntes mit der Zeit nachlässt, wenn es nicht wiederholt wird. Hermann Ebbinghaus hat sie in den 1880er-Jahren an sich selbst gemessen. Der Verlust ist in der ersten Stunde und am ersten Tag am größten und verlangsamt sich danach stark.

Vergessen wir wirklich 70 % in 24 Stunden?

Nicht nach Ebbinghaus’ eigenen Daten. Nach einem Tag ersparte er sich beim Wiederlernen noch 33,7 % der ursprünglichen Lernzeit. Diese „Ersparnis“ wird oft als „nur 34 % behalten“ gelesen, daraus wird „70 % vergessen“. Ersparnis misst aber, wie viel schneller das Wiederlernen geht, nicht wie viel man noch aufsagen kann — und es ging um sinnlose Silben.

Ist die Vergessenskurve exponentiell?

Nicht genau. Vergleicht man mathematische Formen, beschreibt meist eine Potenzfunktion das Vergessen besser als eine einfache Exponentialfunktion: anfangs schneller, später langsamer. Ebbinghaus selbst passte eine logarithmische Formel an und nannte sie nur eine Kurzschrift für seine eigenen Ergebnisse.

Wie kann man die Vergessenskurve abflachen?

Früh wiederholen, bevor das meiste weg ist, sich dabei selbst abfragen statt nur nachzulesen, und die Wiederholungen über Tage und Wochen verteilen. Jede gut getimte Wiederholung macht den nächsten Abfall flacher. Auch Schlaf nach dem Lernen hilft beim Festigen.

Hat ein gutes Gedächtnis etwas mit dem IQ zu tun?

Teilweise. Das Arbeitsgedächtnis hängt eng mit logischem Denken zusammen und ist Teil der meisten IQ-Tests. Wie schnell man eine Liste über Tage vergisst, hängt dagegen vor allem davon ab, wie gelernt und wiederholt wurde. Eine steile Vergessenskurve ist normal und kein Zeichen niedriger Intelligenz.

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