Dunning-Kruger-Effekt: was die Forschung wirklich zeigt
Der Dunning-Kruger-Effekt besagt, dass Menschen mit geringer Kompetenz zugleich die Fähigkeit fehlt, diese Lücke zu bemerken — und dass sie sich deshalb weit über ihrer tatsächlichen Leistung einordnen. Kruger und Dunning beschrieben das 1999. Seitdem hat sich gezeigt, dass das Muster in ihren Grafiken teilweise ein statistisches Artefakt ist, und die einzige große Prüfung an gemessener Intelligenz fand praktisch nichts. Der Effekt ist kleiner als sein Ruf.
Warum diese Seite mit der Kritik beginnt
Zwei der acht verwandten Suchanfragen, die Google im deutschen Ergebnis zu diesem Begriff anzeigt, lauten „Dunning-Kruger-Effekt widerlegt“ und „Dunning-Kruger-Effekt Kritik“. Die Frage wird also gestellt. Beantwortet wird sie auf der ersten Seite von niemandem: Dort stehen ein Hochschulblog, ein HR-Magazin, eine Krankenkasse, ein systemisches Institut, eine Digitalagentur und ein Software-Anbieter, und alle erzählen die Fassung von 1999 als gesicherte Tatsache nach. Diese Seite liefert die fehlende Hälfte.
Was die Studie von 1999 tatsächlich gemessen hat
Justin Kruger und David Dunning, damals an der Cornell University, führten vier Studien mit Studierenden durch: Humor (Witze bewerten, abgeglichen mit einer Jury professioneller Komiker), logisches Schlussfolgern und englische Grammatik. Danach sollte jede Person einschätzen, wie sie im Vergleich zu den anderen abgeschnitten hatte.
Der berühmte Befund: Über die Studien hinweg verorteten sich Teilnehmende aus dem untersten Viertel im Schnitt beim 62. Perzentil, während ihre Leistung beim 12. lag. In der Humor-Studie waren es 58 gegen tatsächliche 12.
Zwei Details aus derselben Arbeit werden fast nie mitzitiert, und beide sind wichtig:
- Überschätzt haben sich alle, nicht nur die Schwachen. In der Humor-Studie setzte sich die gesamte Stichprobe beim 66. Perzentil an — sechzehn Punkte über den 50, die per Definition richtig wären.
- Die Selbsteinschätzungen waren nicht zufällig. Schon in dieser ersten Studie hing die eigene Einschätzung mit der tatsächlichen Leistung zusammen, r = .39. Die Menschen hatten also ein Signal über sich selbst — nur ein schwaches.
Der statistische Einwand
Bereits 2002 zeigten Joachim Krueger und Ross Mueller, dass sich das Muster ganz ohne metakognitives Defizit erzeugen lässt — aus zwei gewöhnlichen statistischen Tatsachen.
| Mechanismus | Was er in der Grafik bewirkt |
|---|---|
| Regression zur Mitte | Zwei unvollkommen korrelierte Maße ziehen extreme Gruppen immer Richtung Mittelwert. Sortiert man Menschen nach Testleistung, liegen die Selbsteinschätzungen der Schwächsten automatisch näher am Durchschnitt als ihre Punktzahlen — ganz ohne Psychologie. |
| Better-than-average-Effekt | Die meisten Menschen setzen sich bei den meisten Eigenschaften über die Mitte. Wendet man das auf eine Gruppe an, die tatsächlich unter der Mitte liegt, entsteht die große Lücke von selbst. |
Edward Nuhfer und Kollegen trieben das weiter: Sie simulierten Selbsteinschätzungsdaten aus reinen Zufallszahlen — und die klassische Viertel-Grafik entstand trotzdem. Ein Bild, das auch aus inhaltsleeren Daten hervorgeht, kann für sich genommen kein Beleg für einen psychischen Vorgang sein.
Die Prüfung an der Intelligenz — und ihr Ergebnis
Humor, Grammatik und Klausurleistung sind das eine. Für eine Seite über den IQ zählt die engere Frage: Verschätzen sich Menschen mit niedrigerer gemessener Intelligenz stärker als alle anderen?
Gilles Gignac und Marcin Zajenkowski prüften genau das 2020. Sie befragten 929 Personen aus der Allgemeinbevölkerung nach ihrer Selbsteinschätzung und maßen die Intelligenz mit Ravens Advanced Progressive Matrices. Statt der Viertel-Grafik, die sie für durch die beiden Mechanismen oben verfälscht halten, verwendeten sie zwei Verfahren, die das nicht sind: einen Glejser-Test auf Heteroskedastizität und eine quadratische Regression.
Beide fielen negativ aus. Es zeigte sich keine statistisch bedeutsame Heteroskedastizität, und der Zusammenhang war „im Wesentlichen vollständig linear“. Ihr Fazit: Das Phänomen möge für manche Fertigkeiten plausibel sein, seine Größe dürfte aber „deutlich kleiner sein als bisher berichtet“.
Was bleibt
Verkleinern ist nicht löschen. Drei Dinge überstehen die Kritik.
Selbsteinschätzung ist tatsächlich unzuverlässig. Das war nie der strittige Teil. Freund und Kasten bündelten 154 Effektstärken aus 41 Studien und schätzten den Zusammenhang zwischen selbst geschätzter und gemessener kognitiver Fähigkeit auf r = .33 — rund ein Zehntel der Unterschiede zwischen Menschen.
Der Better-than-average-Effekt ist gut belegt. Er ist einer der Mechanismen, mit denen man die Dunning-Kruger-Grafik wegerklärt — und damit selbst solide.
Das metakognitive Argument bleibt vernünftig. In der vierten Studie verbesserte ein Training im logischen Schließen auch die Selbsteinschätzung der schwachen Teilnehmenden. Das ist ein Befund, den Regression zur Mitte nicht erklärt.
Was das für die Schätzung des eigenen IQ heißt
Zusammengenommen fällt die Antwort unspektakulär aus: Sie liegen über Ihre eigenen Fähigkeiten wahrscheinlich nicht so spektakulär falsch, wie die populäre Fassung nahelegt — und auch nicht richtig. Ein Zusammenhang von etwa .33 heißt, dass eine Selbsteinschätzung die ungefähre Gegend trifft und oft genug weit danebenliegt, um sich in keine Richtung darauf verlassen zu können. Das gilt für Unterschätzung genauso wie für Überschätzung.
Die Alternative zur Schätzung ist eine Messung. Ein IQ-Test prüft Schlussfolgern, sprachliches und numerisches Problemlösen, Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit und gibt das Ergebnis als Position auf der IQ-Skala aus — als Perzentil gegenüber einer Normstichprobe, nicht gegenüber dem eigenen Eindruck. Die Grenzen dieser Messung stehen unter wie genau IQ-Tests sind.
Einordnung unter den anderen Ideen über Intelligenz
Der Dunning-Kruger-Effekt gehört zu einer Familie von Behauptungen, die attraktiver sind als ihre Belege. Die Lernstile sind an der direkten Prüfung gescheitert, die rechte und linke Gehirnhälfte als Persönlichkeitstyp ebenfalls. Dieser Fall liegt anders und ist interessanter: Er wurde nicht widerlegt, sondern sorgfältiger gemessen — und fiel dabei klein aus. Das ist das häufigere Schicksal eines psychologischen Befunds und das schwerer zu erzählende.
Wenn dahinter eigentlich die Frage steht, ob man geistig weiterkommt, steht die Belegsammlung dazu hier: kann man den IQ steigern.
Einordnung und Grenzen
Dieser Text ist informativ. Er beschreibt veröffentlichte Forschung zur Selbsteinschätzung und ist weder Diagnose noch Persönlichkeitsurteil noch ärztliche Beratung. Nichts hier ist eine Aussage über eine einzelne Person.
IQ Revealed ist mit der Cornell University, der University of Michigan, der American Psychological Association, Elsevier sowie den hier genannten Universitäten, Fachzeitschriften und Forschenden nicht affiliiert und wird von ihnen weder unterstützt noch beauftragt. Sie werden genannt, damit jede Aussage auf die Arbeit zurückführbar bleibt, aus der sie stammt. Wörtliche Zitate stammen aus den veröffentlichten Abstracts der genannten Arbeiten.
Häufige Fragen zum Dunning-Kruger-Effekt
Ist der Dunning-Kruger-Effekt widerlegt?
Nicht widerlegt, aber deutlich kleiner geworden. Das Muster in den Originalgrafiken entsteht zu einem erheblichen Teil aus zwei statistischen Tatsachen, die auch in Zufallsdaten auftreten: der Regression zur Mitte und dem Better-than-average-Effekt. Als Gignac und Zajenkowski die These 2020 gezielt an der Intelligenz prüften — 929 Erwachsene, Ravens Advanced Progressive Matrices —, fanden sie einen praktisch vollständig linearen Zusammenhang zwischen gemessener und selbst eingeschätzter Intelligenz. Das Vorhergesagte trat nicht ein.
Stammt die bekannte Kurve mit dem „Gipfel der Ahnungslosigkeit“ aus der Studie?
Nein. Die Kurve, die steil zu einem Gipfel falscher Sicherheit ansteigt, in ein Tal stürzt und langsam wieder klettert, kommt in der Arbeit von 1999 nicht vor. Die Abbildungen dort zeigen die Selbsteinschätzung und die tatsächliche Leistung über vier Leistungsviertel — und die Linie der Selbsteinschätzung fällt nirgends ab. Sie verläuft flach und hoch, während die tatsächliche Leistung darunter steil ansteigt. Der Abstand zwischen beiden Linien ist der Befund; die dramatische Kurve wurde später von anderen gezeichnet.
Warum halten sich Menschen mit wenig Wissen für kompetent?
Die Erklärung von Kruger und Dunning lautet: Wer eine Aufgabe schlecht löst, dem fehlt oft genau das Wissen, das nötig wäre, um die eigene Lösung als schlecht zu erkennen. Das ist plausibel und wird durch die vierte Studie der Arbeit gestützt, in der ein Training der Fähigkeit auch die Selbsteinschätzung verbesserte. Strittig ist nicht dieser Gedanke, sondern wie groß der Effekt ist — und die sauberen Messungen fallen klein aus.
Was ist das Gegenteil vom Dunning-Kruger-Effekt?
Meist wird das Hochstapler-Phänomen genannt: kompetente Menschen, die ihre eigene Leistung für Zufall oder Täuschung halten. In den Originalstudien gibt es dazu eine schwächere Entsprechung — die Teilnehmenden im obersten Viertel setzten ihren Rang gegenüber anderen zu niedrig an. Dunning und Kruger erklärten das anders als den Fehler am unteren Ende: Diese Gruppe fand die Aufgabe leicht und nahm an, den anderen gehe es genauso. In einer Studie schätzten sie ihre eigene Punktzahl korrekt ein, nur nicht ihren Rang.
Wie genau ist die eigene Einschätzung der eigenen Intelligenz?
Schwach genau. Die Metaanalyse von Freund und Kasten fasst 154 Effektstärken aus 41 Studien zusammen und beziffert den Zusammenhang zwischen selbst geschätzter und psychometrisch gemessener kognitiver Fähigkeit auf etwa r = .33. Quadriert sind das rund zehn Prozent der Unterschiede zwischen Menschen. Die eigene Schätzung trägt also etwas Information — und verfehlt den größten Teil.
Wie nennt man jemanden, der sich selbst überschätzt?
Umgangssprachlich fällt oft der Begriff Selbstüberschätzung, fachlich spricht man vom Better-than-average-Effekt: Die meisten Menschen verorten sich bei den meisten Eigenschaften über der Mitte, was rechnerisch für die meisten nicht stimmen kann. Genau dieser Effekt ist übrigens einer der beiden Mechanismen, mit denen die Dunning-Kruger-Grafik statistisch erklärt wird — er ist also gut belegt, während die berühmtere These es weniger ist.
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