Theory of Mind: Bedeutung, Sally-Anne-Test und Entwicklung
Theory of Mind bezeichnet die Fähigkeit zu verstehen, dass andere Menschen eigene Überzeugungen, Wünsche, Absichten und Gefühle haben — die von den eigenen und sogar von den Tatsachen abweichen können. Sie erlaubt vorherzusagen, dass eine Freundin ihre Schlüssel dort sucht, wo sie sie hingelegt hat, nicht dort, wohin jemand sie in ihrer Abwesenheit verlegt hat. Den klassischen Test dafür bestehen Kinder meist zwischen drei und fünf Jahren. Im Deutschen wird meist der englische Begriff verwendet; „Theorie des Geistes“ ist selten.
Was Theory of Mind bedeutet
Was andere denken, sehen wir nicht. Wir erschließen es aus dem, was sie sagen, tun und wahrnehmen konnten — wie mit einer Theorie, die Verhalten erklärt („sie sucht in der Schublade, weil sie glaubt, die Schlüssel liegen dort“) und vorhersagt. Der Ausdruck stammt aus einem Aufsatz der Primatenforscher David Premack und Guy Woodruff von 1978 mit der Frage, ob Schimpansen eine Theory of Mind haben.
Unterschieden wird oft eine kognitive Seite (was jemand weiß, glaubt, beabsichtigt) und eine affektive Seite (was jemand fühlt). Mit Empathie überschneidet sich das, ist aber nicht dasselbe. Verwandt ist auch die interpersonale Intelligenz; auf das eigene Denken gerichtet heißt es Metakognition.
Theory of Mind und Mentalisierung
In der deutschen Psychotherapie ist der Begriff Mentalisierung verbreitet. Patrick Luyten und Peter Fonagy beschreiben ihn als die Fähigkeit, sich selbst und andere über innere Zustände wie Gefühle, Wünsche, Einstellungen und Ziele zu verstehen. Die Begriffe überschneiden sich stark; Mentalisierung schließt das eigene Erleben ausdrücklich ein und wird vor allem in Bindungsforschung und Therapie verwendet, Theory of Mind eher in der Entwicklungs- und Kognitionspsychologie.
Der False-Belief-Test aus Österreich
Den Grundgedanken des Tests entwickelten 1983 die österreichischen Psychologen Heinz Wimmer und Josef Perner: Man prüft, ob ein Kind das Verhalten einer Person vorhersagen kann, deren Überzeugung falsch ist. In ihrer Geschichte legt Maxi Schokolade in einen Schrank und geht hinaus; währenddessen wird sie umgeräumt. Wo wird Maxi suchen?
Die bekannteste Variante ist der Sally-Anne-Test (1985):
- Sally legt ihre Murmel in den Korb und verlässt den Raum.
- Anne legt die Murmel in ihre Schachtel.
- Sally kommt zurück. Wo sucht sie?
„In der Schachtel“ beschreibt nur, wo die Murmel wirklich ist. „Im Korb“ zeigt Verständnis dafür, dass Sally etwas Falsches glaubt.
Wann sich die Theory of Mind entwickelt
Henry Wellman und Kollegen werteten 178 Studien aus: Im Vorschulalter wechseln Kinder von Leistungen unter dem Zufallsniveau zu Leistungen darüber, und zwar in allen untersuchten Ländern und Aufgabenvarianten. Wellman und David Liu zeigten mit 75 Kindern, dass die Schritte in fester Reihenfolge kommen: erst verschiedene Wünsche, dann verschiedene Überzeugungen, dann Wissen-durch-Sehen, dann falsche Überzeugungen, zuletzt verborgene Gefühle. Blickzeitstudien mit 15 Monate alten Kindern (Onishi und Baillargeon, 2005) deuten auf frühere Vorläufer hin. Den größeren Rahmen beschreiben Piagets Entwicklungsstufen.
Theory of Mind und IQ
Bei Erwachsenen wird mit schwereren Aufgaben gemessen, etwa dem „Reading the Mind in the Eyes“-Test: Man sieht nur die Augenpartie eines Gesichts und wählt aus vier Wörtern den passenden Zustand. Eine Metaanalyse von 18 Studien (Peñuelas-Calvo und Kollegen, 2019) fand, dass die Ergebnisse in Vergleichsgruppen vom Gesamt-IQ, vom verbalen IQ und vom Alter abhingen. Wer zwischen „nachdenklich“ und „misstrauisch“ wählen muss, braucht eben einen großen Gefühlswortschatz. Mehr dazu im Vergleich EQ vs. IQ.
Theory of Mind und Autismus
Die Sally-Anne-Studie von 1985 vertrat die These, autistischen Kindern fehle eine Theory of Mind. Sie ist heute stark umstritten. Gernsbacher und Yergeau (2019) führen Befunde an, nach denen autistische Menschen in diesen Aufgaben weder einheitlich noch spezifisch beeinträchtigt sind, nennen nicht replizierte Originalbefunde und halten die These für empirisch fragwürdig und schädlich. Damian Miltons „doppeltes Empathieproblem“ beschreibt Missverständnisse zwischen autistischen und nicht autistischen Menschen als wechselseitig. Fragen zu einer konkreten Person gehören zu einer Fachperson, die sie untersucht hat.
Lässt sie sich trainieren?
Eine Studie in Science (2013) berichtete, dass Lesen von literarischer Belletristik die Werte sofort verbessere. Eine Replikation dreier unabhängiger Gruppen mit 792 Teilnehmenden fand keinen solchen Vorteil. Wer im Leben mehr Romane gelesen hatte, schnitt allerdings besser ab — ein Zusammenhang, kein Beweis für eine Wirkung.
Hinweise zu dieser Seite
Diese Seite fasst veröffentlichte Forschung zur allgemeinen Information zusammen und beurteilt keine Einzelperson. Der IQ-Revealed-Test ist ein Online-Denktest mit 40 eigenen Aufgaben für Erwachsene ab 18 Jahren. Er misst keine Theory of Mind, kann Autismus oder andere Diagnosen weder feststellen noch ausschließen und ist keine klinische Untersuchung. IQ Revealed ist nicht mit dem Autism Research Centre, den Autorinnen und Autoren der genannten Tests oder den genannten Forschenden, Hochschulen und Fachzeitschriften verbunden; Testnamen dienen nur der Kennzeichnung.
Häufige Fragen zur Theory of Mind
Was bedeutet Theory of Mind?
Theory of Mind ist die Fähigkeit zu verstehen, dass andere Menschen eigene Überzeugungen, Wünsche, Absichten und Gefühle haben, die sich von den eigenen und von den Tatsachen unterscheiden können — und damit ihr Verhalten zu erklären und vorherzusagen. Von einer „Theorie“ spricht man, weil fremde Gedanken nicht direkt beobachtbar sind; wir erschließen sie.
Ab welchem Alter entwickelt sich die Theory of Mind?
Beim klassischen False-Belief-Test antworten die meisten Dreijährigen falsch und die meisten Fünfjährigen richtig. Eine Metaanalyse von 178 Studien fand diesen Übergang im Vorschulalter über Länder und Aufgabenvarianten hinweg. Studien mit Blickzeitmessung deuten schon bei 15 Monate alten Kindern auf eine gewisse Empfänglichkeit für fremde Überzeugungen hin.
Was ist der Sally-Anne-Test?
Ein False-Belief-Test: Sally legt eine Murmel in ihren Korb und geht hinaus. Anne legt die Murmel in ihre Schachtel. Wo wird Sally suchen, wenn sie zurückkommt? Wer „im Korb“ sagt, versteht, dass Sally etwas Falsches glaubt und danach handelt. Bekannt wurde der Test durch eine Studie von Simon Baron-Cohen, Alan Leslie und Uta Frith (1985).
Haben autistische Menschen keine Theory of Mind?
Diese Behauptung war lange einflussreich, ist heute aber stark umstritten. Eine Übersichtsarbeit von Morton Ann Gernsbacher und Melanie Yergeau (2019) kam zu dem Schluss, dass die Daten keine allgemeine oder spezifische Beeinträchtigung autistischer Menschen in diesen Aufgaben belegen, und nannte die Behauptung empirisch fragwürdig und schädlich.
Hängt die Theory of Mind mit dem IQ zusammen?
Teilweise. Eine Metaanalyse von 18 Studien (2019) fand, dass die Leistung im „Reading the Mind in the Eyes“-Test in Vergleichsgruppen vom Gesamt-IQ, vom verbalen IQ und vom Alter abhing. Viele dieser Tests arbeiten mit Wörtern, sodass ein Teil des Ergebnisses den Wortschatz widerspiegelt.
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