Laterales Denken: was es ist — und was die Forschung tatsächlich zeigt

Laterales Denken heißt, ein Problem bewusst von einer unerwarteten Seite anzugehen, statt die naheliegende Gedankenkette gerade nach unten weiterzuverfolgen. Edward de Bono prägte den Begriff 1967. Was fast niemand dazu schreibt: Das berühmteste Beispiel dafür — das Rätsel, das man nur löst, wenn man über das Quadrat hinauszeichnet — wurde experimentell geprüft, und der Versuch ging anders aus als die Geschichte.

Ein deutsches Wort, das heute etwas anderes bedeutet

Das naheliegende deutsche Wort für diesen Denkstil wäre Querdenken. Die Bundeszentrale für politische Bildung hält fest, dass der Begriff ursprünglich in der Umgangssprache schlicht für jemanden stand, der unkonventionell denkt, im philosophischen Sinn also ein Freigeist ist.

Das ist nicht mehr die Bedeutung, die der Begriff im deutschen Sprachraum trägt. Wer ihn heute sucht, bekommt eine erste Seite aus Beiträgen der politischen Bildung, der Heinrich-Böll-Stiftung, des Landesamts für Verfassungsschutz Baden-Württemberg, einer NDR-Dokumentation und dem Wikipedia-Artikel zu den Protesten gegen die Corona-Schutzmaßnahmen. Kein Ergebnis auf dieser Seite handelt von kreativem Problemlösen.

Deshalb steht über diesem Text laterales Denken und nicht das häufiger gesuchte Wort. Wer den Denkstil meint, kommt mit laterales Denken oder divergentes Denken dorthin, wo die Sache erklärt wird — mit der umgangssprachlichen Wendung um die Ecke denken übrigens auch.

Woher der Begriff kommt

Edward de Bono, maltesischer Arzt und Psychologe, führte lateral thinking 1967 in seinem Buch The Use of Lateral Thinking ein. Er stellte ihm das vertikale Denken gegenüber: den Weg, der vom naheliegenden Ansatz ausgeht und ihn Schritt für Schritt vertieft. Sein Bild dafür hat die Theorie überlebt — vertikales Denken gräbt dasselbe Loch tiefer, laterales Denken fängt an einer anderen Stelle neu an.

TechnikWas man konkret tut
Annahmen infrage stellenAufschreiben, was man als feststehend behandelt, und prüfen, was gilt, wenn es das nicht ist
ZufallsinputEin beliebiges Wort ziehen und eine Verbindung zum Problem erzwingen
ProvokationBewusst etwas Absurdes behaupten und auf dem Rückweg nach einer brauchbaren Idee suchen
UmkehrungFragen, wie man das Problem verschlimmern würde, und die Antworten umdrehen

Das Neun-Punkte-Rätsel und der Versuch, der es geprüft hat

Neun Punkte im Drei-mal-drei-Raster, vier gerade Linien, ohne abzusetzen: Das ist das Standardbeispiel für laterales Denken, und de Bono benutzte es selbst. Die übliche Erklärung lautet, die Aufgabe sei schwer, weil man an einer Annahme festklebt, die niemand gestellt hat — dass die Linien im Quadrat bleiben müssen. Nimmt man die Annahme weg, so die Geschichte, kommt die Lösung.

Robert Weisberg und Joseph Alba prüften das 1981 im Journal of Experimental Psychology: General. Sie ließen die Versuchspersonen nicht selbst darauf kommen, sondern sagten es ihnen: Die Aufgabe sei nur lösbar, wenn man die Linien über die Grenzen des Quadrats hinaus verlängere.

Das Ergebnis in den Worten der Autoren: „Das Entfernen der vermeintlichen Fixierung führte nicht zu einer plötzlichen und direkten Lösung der Aufgaben.“ Wer die Einsicht geschenkt bekam, scheiterte weiterhin überwiegend. Geholfen hat etwas deutlich Unromantischeres: vergleichsweise detaillierte Hinweise auf die Lösung selbst. Die Autoren hielten die Wörter Fixierung und Einsicht für ungeeignet, um zu beschreiben, was hier passiert — die Arbeit leiste problemspezifisches Wissen.

Lateral, divergent, konvergent

Wer nach Forschung zu lateralem Denken sucht, findet fast nichts und schließt leicht, die Frage sei nie untersucht worden. Sie ist es — unter anderem Namen. Die Psychologie misst divergentes Denken: wie viele verschiedene Antworten jemand auf eine offene Aufgabe erzeugt, bewertet nach Flüssigkeit, Originalität, Flexibilität und Ausarbeitung. Das Gegenstück, konvergentes Denken, ist das, was ein klassischer Denkaufgaben-Test verlangt: die eine begründbare Antwort.

In Deutschland ist das keine akademische Fußnote, sondern die Suchrealität: „divergentes Denken“ wird häufiger gesucht als beide Schreibweisen von lateralem Denken zusammen. Wer belastbare Belege sucht, sucht im deutschen Sprachraum also ohnehin schon unter dem richtigen Namen.

Sind kreative Menschen intelligenter?

Die alte These heißt Schwellenhypothese: Überdurchschnittliche Intelligenz sei notwendig, aber nicht hinreichend für hohe Kreativität — unterhalb einer Grenze, meist einem IQ von 120, sollten beide zusammenhängen, darüber nicht mehr. Der Satz wird ständig wiederholt. Die Belege dafür sind uneinheitlich, und sie werden nicht besser.

Die größte Zusammenfassung stammt aus einer Metaanalyse von 2005: 447 Korrelationen aus 21 Studien, 45.880 Personen, mittlerer Zusammenhang zwischen Kreativitätstest und IQ r = .174. Eine Studie von 2013 ließ die Grenze statistisch suchen statt sie bei 120 festzusetzen und fand Schwellen nur für kreatives Potenzial, nicht für kreative Leistung — je nach Anspruch bei rund 100 beziehungsweise 120 IQ-Punkten. Eine Untersuchung von 2026 an 9.358 chinesischen Schülerinnen und Schülern fand am Punkt 120 gar nichts: Ein einfacher linearer Zusammenhang beschrieb die Daten ebenso gut.

Rätsel sind kein Test

Ein großer Teil der Nachfrage zu diesem Thema sucht die Rätsel — die Situationsaufgaben, die man mit Ja-Nein-Fragen auflöst. Sie machen Spaß und üben tatsächlich das Prüfen von Annahmen. Ein Test sind sie nicht. Dafür fehlen ihnen die drei Dinge, die einen Test ausmachen: Normen (wie eine repräsentative Stichprobe abschneidet), Reliabilität (dieselbe Person erreicht beim zweiten Mal ungefähr dasselbe) und Validitätsbelege. Wie Standardisierung tatsächlich aussieht, steht in unserem Beitrag dazu, wie IQ-Tests funktionieren.

Einordnung und Grenzen

Dieser Beitrag erklärt veröffentlichte Forschung; er ist kein diagnostisches Werkzeug. Unser IQ-Test misst schlussfolgerndes Denken — die konvergente Seite. Er misst keine Kreativität, kein divergentes und kein laterales Denken, liefert keinen Kreativitätswert und kann nicht sagen, ob jemand ein kreativer Mensch ist.

IQ Revealed ist nicht mit Edward de Bono, den de-Bono-Organisationen oder Programmen unter den Namen Lateral Thinking oder Six Thinking Hats verbunden, wird von ihnen nicht unterstützt und steht auch nicht mit den Herausgebern der Torrance Tests of Creative Thinking in Verbindung. Die Namen werden hier nur genannt, um zu beschreiben, worum es geht.

Häufige Fragen zum lateralen Denken

Was ist laterales Denken?

Laterales Denken heißt, ein Problem bewusst von einer unerwarteten Seite anzugehen, statt die naheliegende Gedankenkette gerade nach unten weiterzuverfolgen. Edward de Bono prägte den Begriff 1967 und stellte ihm das vertikale Denken gegenüber: den schrittweisen, logischen Weg. In der psychologischen Forschung heißt das nächstverwandte, tatsächlich gemessene Konstrukt divergentes Denken.

Ist laterales Denken dasselbe wie Querdenken?

Sprachlich war das einmal dasselbe, heute nicht mehr. Im allgemeinen Sprachgebrauch stand „Querdenker“ schlicht für jemanden, der unkonventionell denkt — so beschreibt es auch die Bundeszentrale für politische Bildung. Seit 2020 bezeichnet das Wort in Deutschland vor allem eine Protestbewegung; die erste Google-Seite zu dem Begriff besteht aus Beiträgen der politischen Bildung, des Verfassungsschutzes und der Berichterstattung dazu. Wer den Denkstil meint, sagt heute besser „laterales Denken“ oder „divergentes Denken“.

Was ist der Unterschied zwischen lateralem und divergentem Denken?

Laterales Denken ist eine Methode aus Büchern und Seminaren. Divergentes Denken ist ein Konstrukt der Forschung, das gemessen wird: Man fordert möglichst viele verschiedene Antworten auf eine offene Aufgabe und bewertet Flüssigkeit, Originalität, Flexibilität und Ausarbeitung. Fast alle Studien zur „kreativen Begabung“ messen divergentes Denken — was wichtig ist, wenn jemand Belege für laterales Denken anführt, denn die Studien stehen unter dem anderen Namen.

Sind kreative Menschen intelligenter?

Kaum messbar stärker. Eine Metaanalyse von 2005 fasste 447 Korrelationen aus 21 Studien mit 45.880 Personen zusammen und fand zwischen Kreativitätstests und IQ-Werten im Mittel r = .174 — von der Autorin selbst als vernachlässigbar bezeichnet. Eine Schwelle, ab der Intelligenz keine Rolle mehr spielt, konnte diese Analyse nicht bestätigen.

Kann man laterales Denken lernen?

Kreativitätstraining bringt messbare Zuwächse: Eine Metaanalyse von 2004 über 70 Evaluationsstudien fand, dass gut gemachte Programme Leistungsgewinne erzeugen, die über Kriterien, Settings und Zielgruppen hinweg tragen. Am besten wirkten Programme, die kognitive Fertigkeiten und deren Anwendungsregeln an realistischen Aufgaben aus dem jeweiligen Fachgebiet vermittelten — nicht die allgemeine Aufforderung, anders zu denken.

Messen statt schätzen

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