Divergentes und konvergentes Denken: Bedeutung, Beispiele, Messung

Divergentes Denken ist die Fähigkeit, auf eine offene Frage viele verschiedene Antworten zu finden; konvergentes Denken führt zur einen besten Antwort auf eine Frage, die eine hat. Der Psychologe J. P. Guilford stellte beide zwischen 1950 und 1967 einander gegenüber. Anders als viele Begriffe aus Kreativitätsratgebern werden beide gemessen — mit klaren Befunden, auch zum IQ.

Herkunft und Beispiele

In seiner Ansprache als Präsident der American Psychological Association 1950, veröffentlicht als „Creativity“, kritisierte Guilford, dass Intelligenztests mit nur einer richtigen Antwort Kreativität nicht erfassen. In seinem Structure-of-Intellect-Modell (1967) führte er „divergente“ und „konvergente Produktion“ als eigene Denkoperationen. Typische divergente Aufgaben: alle Verwendungen einer Büroklammer in zwei Minuten (Papier zusammenhalten ist die naheliegende, Dietrich oder SIM-Werkzeug sind divergente Antworten) oder die Folgen der Frage „Was wäre, wenn niemand mehr schlafen müsste?“. Konvergent ist dagegen Sarnoff Mednicks Remote-Associates-Test (1962): Gesucht ist das eine Wort, das drei vorgegebene verbindet. Mit dem lateralen Denken nach Edward de Bono ist divergentes Denken verwandt, aber nicht identisch: Laterales Denken ist eine Methode, kein Messverfahren.

Wie es gemessen wird — auch in einem deutschen Intelligenztest

Divergente Antworten werden nach Flüssigkeit (Anzahl), Flexibilität (Zahl der Kategorien), Originalität (Seltenheit) und Ausarbeitung bewertet. Die bekannte Schwäche: Wer mehr Antworten schreibt, sammelt auch mehr seltene, sodass Originalität teils Menge misst. Paul Silvia und Kollegen schlugen 2008 vor, nur die zwei selbst gewählten besten Antworten bewerten zu lassen; Roger Beaty und Dan Johnson zeigten 2021, dass computerberechnete „semantische Distanz“ menschliche Kreativitätsurteile gut vorhersagt. Eine deutsche Besonderheit: Im Berliner Intelligenzstruktur-Modell von Adolf Otto Jäger ist Einfallsreichtum eine der vier Operationen der Intelligenz, neben Verarbeitungskapazität, Merkfähigkeit und Bearbeitungsgeschwindigkeit. Der Berliner Intelligenzstruktur-Test enthält deshalb divergente Aufgaben — eine Karolinska-Studie von 2010 nutzte genau diese als Kreativitätsmaß.

Beides wird gebraucht — und der Zusammenhang mit dem IQ

Arthur Cropley argumentierte 2006, divergentes Denken ohne konvergente Prüfung erzeuge leicht „Pseudokreativität“: Neues, das nicht funktioniert. Die größte Metaanalyse zum IQ stammt von Anne Gerwig und Kollegen, u. a. aus Münster und Graz (2021: 849 Korrelationen aus 112 Studien, 34.610 Personen): im Mittel r = .25 — real, aber bescheiden. Ob Intelligenz als allgemeiner Faktor oder als fluide oder kristalline Intelligenz gemessen wurde, änderte nichts. Die Debatte um eine IQ-„Schwelle“ steht im Ratgeber zum lateralen Denken, die bewertende Seite unter kritisches Denken.

Über diese Seite

Ein IQ-Test, auch unserer, ist ein konvergenter Test: Jede Aufgabe hat eine richtige Lösung. Divergentes Denken misst er nicht. Diese Seite fasst veröffentlichte Forschung zur allgemeinen Information zusammen; die Zahlen stammen aus den veröffentlichten Zusammenfassungen der genannten Studien. Der IQ-Revealed-Test ist ein Online-Test des logischen Denkens mit 40 eigenen Aufgaben für Erwachsene ab 18 Jahren und keine klinische Untersuchung. IQ Revealed steht in keiner Verbindung zu den Verlagen der genannten Tests, zu Hogrefe oder zu den genannten Forschenden, Universitäten und Fachzeitschriften.

Häufige Fragen zu divergentem und konvergentem Denken

Was ist divergentes Denken?

Divergentes Denken ist die Fähigkeit, auf eine offene Frage viele verschiedene Antworten zu finden — etwa möglichst viele Verwendungen für einen Ziegelstein aufzuzählen. Der US-Psychologe J. P. Guilford beschrieb es zwischen 1950 und 1967; es ist bis heute das gängigste Maß für kreatives Potenzial in der Forschung.

Was ist der Unterschied zwischen divergentem und konvergentem Denken?

Divergentes Denken öffnet eine Frage zu vielen Möglichkeiten, konvergentes Denken führt sie auf die eine beste oder richtige Antwort zurück. Divergente Aufgaben werden nach Menge, Vielfalt und Originalität der Antworten bewertet, konvergente nach richtig oder falsch. Kreative Arbeit braucht beides.

Hängt divergentes Denken mit dem IQ zusammen?

Mäßig. Eine Metaanalyse von 2021 mit 112 Studien und 34.610 Personen fand im Mittel r = .25, bis etwa .31–.37, wenn die Aufgabe wie ein Test gestellt, ausdrücklich Kreativität verlangt und Originalität bewertet wurde. Im deutschen Berliner Intelligenzstruktur-Modell ist Einfallsreichtum sogar ein eigener Baustein der Intelligenz.

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