Implizites und explizites Gedächtnis: prozedurales und deklaratives Gedächtnis
Das explizite (deklarative) Gedächtnis enthält, was man bewusst abrufen und aussprechen kann – Fakten und erlebte Ereignisse; das implizite (nicht-deklarative) Gedächtnis wirkt im Verhalten, ohne dass man sich erinnert – in Fertigkeiten, Gewohnheiten und Bahnung. Sich daran zu erinnern, wo man Fahrradfahren gelernt hat, ist explizit; das Fahren selbst ist implizit, genauer: prozedural. Zusammen bilden beide das Langzeitgedächtnis.
Implizit und explizit im Überblick
- Bewusstsein: explizites Erinnern fühlt sich wie Erinnern oder Wissen an; implizites Gedächtnis arbeitet ohne dieses Gefühl.
- Inhalt: explizit sind Episoden (episodisches Gedächtnis) und Fakten (semantisches Gedächtnis); implizit sind Fertigkeiten und Gewohnheiten, Bahnung (Priming) und einfache Konditionierung.
- Lernen: eine explizite Erinnerung kann nach einem einzigen Erlebnis entstehen; viele implizite Fertigkeiten wachsen langsam mit Übung.
- Messung: explizit durch Abrufen oder Wiedererkennen; implizit an veränderter Leistung, etwa schnelleren oder genaueren Reaktionen.
- Gehirn: das explizite Gedächtnis hängt vom Hippocampus und dem umgebenden medialen Schläfenlappen ab; implizite Formen stützen sich auf andere Systeme, etwa das Striatum (Gewohnheiten) und das Kleinhirn.
Die Unterteilung des expliziten Gedächtnisses erklärt unsere Seite zum episodischen und semantischen Gedächtnis, die ganze Landkarte unser Beitrag zum Langzeitgedächtnis.
Das prozedurale Gedächtnis
Prozedurales Wissen ist Können, nicht Wissen: Man kann eine Schleife binden und dabei an etwas anderes denken, würde aber jede einzelne Bewegung kaum beschreiben können. Es verbessert sich schrittweise mit Wiederholung, übersteht oft Jahre ohne Übung und bleibt bei Menschen erhalten, die keine neuen bewussten Erinnerungen mehr bilden können. Eine häufige Verwechslung: Die Schachregeln zu kennen, ist semantisches, also deklaratives Wissen; das schnelle Gespür für einen guten Zug nach Jahren des Spielens hat einen großen prozeduralen Anteil.
Die Formen des impliziten Gedächtnisses
- Prozedurales Gedächtnis: motorische und kognitive Fertigkeiten und Routinen.
- Gewohnheitslernen: allmählich lernen, welche Hinweise zu welchem Ergebnis führen, oft ohne sagen zu können, was man gelernt hat.
- Bahnung (Priming): wer kurz zuvor „Garten“ gelesen hat, ergänzt „Gar___“ eher zu „Garten“ als zu „Garage“ – auch ohne sich an das Wort zu erinnern.
- Klassische Konditionierung: eine gelernte Reaktion auf ein Signal, etwa Anspannung beim Bohrergeräusch.
Wie man beide Gedächtnisarten testet
Explizite Tests fragen direkt: freies Erinnern, Erinnern mit Hinweisreiz, Wiedererkennen. Implizite Tests erwähnen die frühere Lernphase nie: Man ergänzt Wortanfänge oder Wortfragmente, erkennt kurz eingeblendete oder unvollständige Bilder oder wiederholt eine motorische Aufgabe – das Gedächtnis zeigt sich als Vorteil für bereits Gesehenes. Die Begriffe „implizit“ und „explizit“ setzten sich nach einer Arbeit von Peter Graf und Daniel Schacter (1985) durch: Sowohl Studierende als auch Patienten mit Amnesie ergänzten Wortfragmente leichter, wenn sie neben dem zuvor gelernten Partnerwort standen.
Belege für zwei getrennte Systeme
- Das Spiegelzeichnen von H.M. Nach der Entfernung großer Teile seiner medialen Schläfenlappen konnte der Patient H.M. keine neuen bewussten Erinnerungen bilden. Trotzdem lernte er innerhalb von zehn Durchgängen, einen Stern nur im Spiegel zu umfahren, und behielt die Fertigkeit über drei Tage – für den Neurowissenschaftler Larry Squire der erste Hinweis auf mehr als eine Art von Gedächtnis.
- Eine doppelte Dissoziation. In einer Studie von 1996 lernten Patienten mit Amnesie eine Wahrscheinlichkeitsaufgabe normal, erinnerten sich aber kaum an das Training; Menschen mit Parkinson-Krankheit, bei der das Striatum geschädigt ist, erinnerten sich an das Training, lernten die Aufgabe aber nicht.
Alter und Dauer
In einer 2006 veröffentlichten Studie schnitten Menschen bei Bildfragmenten, die sie 17 Jahre zuvor im Labor gesehen hatten, besser ab als bei neuen – selbst ohne jede Erinnerung an die Sitzung. Dass das implizite Gedächtnis im Alter völlig stabil bleibt, stimmt allerdings nicht ganz: Eine Metaanalyse von 1994 über 39 Vergleiche fand bei Älteren einen kleineren Bahnungseffekt (Effektstärke 0,30), aber einen geringeren Altersunterschied als beim Erinnern und Wiedererkennen.
Implizites Gedächtnis und IQ
IQ-Tests beanspruchen vor allem explizite Prozesse: Arbeitsgedächtnis, Schlussfolgern und gespeichertes Wissen. Eine Studie von 1991 fand, dass eine explizite Problemlöseaufgabe stark mit dem IQ korrelierte, eine implizite Grammatik-Lernaufgabe nicht. Eine Studie von 2010 mit englischen 16- und 17-Jährigen fand implizites Sequenzlernen schwächer mit Intelligenz verknüpft als explizites Lernen und unabhängig vom Arbeitsgedächtnis – aber verbunden mit Verarbeitungsgeschwindigkeit, verbalen Analogien und den Noten in den Französisch- und Deutschprüfungen der Schüler. Was ein IQ-Wert hauptsächlich erfasst, erklärt unser Beitrag zur fluiden und kristallinen Intelligenz.
Hinweise zu dieser Seite
Diese Seite fasst veröffentlichte Forschung zur allgemeinen Information zusammen und ist keine medizinische Beratung: Neue, zunehmende oder beunruhigende Gedächtnisprobleme gehören in ein ärztliches Gespräch, und kein Online-Test kann sie beurteilen. Der IQ-Revealed-Test ist ein Online-Denktest mit 40 eigenen Aufgaben für Erwachsene ab 18 Jahren; er ist keine klinische Untersuchung und misst kein Gedächtnis. IQ Revealed ist mit den genannten Forschenden, Universitäten und Fachzeitschriften nicht verbunden; die Namen dienen nur der Angabe der beschriebenen Forschung.
Häufige Fragen zum impliziten und expliziten Gedächtnis
Was ist der Unterschied zwischen implizitem und explizitem Gedächtnis?
Das explizite Gedächtnis umfasst alles, was man bewusst abrufen und in Worte fassen kann – Fakten und erlebte Ereignisse. Das implizite Gedächtnis zeigt sich im Verhalten, ohne dass man sich erinnert: in Fertigkeiten, Gewohnheiten und Bahnungseffekten. Explizit heißt in der Fachsprache auch deklarativ, implizit auch nicht-deklarativ.
Was ist das deklarative Gedächtnis?
Das deklarative (explizite) Gedächtnis ist der Teil des Langzeitgedächtnisses, dessen Inhalte man absichtlich abrufen und beschreiben kann. Es besteht aus dem episodischen Gedächtnis für selbst erlebte Ereignisse und dem semantischen Gedächtnis für Fakten und Wissen.
Was ist das prozedurale Gedächtnis?
Das prozedurale Gedächtnis speichert, wie man etwas tut: Fahrradfahren, Zehnfingerschreiben, Schuhe binden, Autofahren auf bekannter Strecke. Es baut sich durch Übung allmählich auf, lässt sich schwer in Worte fassen und ist meist sehr dauerhaft. Es ist der bekannteste Teil des impliziten Gedächtnisses.
Welche Beispiele gibt es?
Implizit: blind tippen, ein Wortfragment mit einem zuvor gesehenen Wort ergänzen, ohne es zu merken, oder sich beim Geräusch des Zahnarztbohrers verkrampfen. Explizit: sich an den ersten Schultag erinnern, wissen, dass Wasser auf Meereshöhe bei 100 °C siedet, oder eine Telefonnummer gezielt abrufen.
Wie lange halten implizite Erinnerungen?
Mitunter Jahrzehnte. In einer Studie von 2006 erkannten Menschen Bruchstücke von Bildern, die sie 17 Jahre zuvor ein bis drei Sekunden lang gesehen hatten, besser als Bruchstücke neuer Bilder – auch wenn sie sich an die damalige Sitzung gar nicht erinnerten.
Hängt das implizite Gedächtnis mit dem IQ zusammen?
Deutlich schwächer als das explizite. In einer Studie von 1991 korrelierte eine explizite Problemlöseaufgabe stark mit dem IQ, eine implizite Grammatik-Lernaufgabe dagegen nicht. Eine Studie von 2010 mit 16- und 17-Jährigen fand implizites Sequenzlernen schwächer mit Intelligenz verknüpft als explizites Lernen und unabhängig vom Arbeitsgedächtnis.
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